Neobiota: Burgenlands neue Mitbewohner (Teil XVI) – die Chinesische Teichmuschel

Unsere Serie über Burgenlands eingeschleppte Pflanzen- und Tierarten geht in die nächste Runde: diesmal wird es schleimig, nass und ziemlich unscheinbar. Wir widmen uns einer Muschel, die ursprünglich aus Asien stammt: der Chinesischen Teichmuschel.

von Elias Hoffmann

Alteingesessene Sautanzblog-Stammleserinnen wissen: Mit den Neobiota behandeln wir Tiere und Pflanzen, die ins Burgenland eingeschleppt werden und unter Umständen zum biologischen Problem werden. Diesmal tauchen wir wieder mal unter die Wasseroberfläche ein und stellen die Chinesische Teichmuschel (Sinanodonta woodiana) vor.

Auf den ersten Blick schaut sie eigentlich gar nicht so spektakulär aus. Eine Muschel eben. Zwei Schalen, braune Färbung, sitzt irgendwo im Schlamm und macht – zumindest für den menschlichen Betrachter – nicht besonders viel und so ziemlich das Gleiche, was auch ihre rund 10 einheimischen Arten machen. Doch genau diese unscheinbare Lebensweise täuscht. Die Chinesische Teichmuschel kann ziemlich groß werden und hat eine interessante Fähigkeit: Sie kann ihre Kinder mit einem kostenlosen Fisch-Taxi auf Reisen schicken.

Von Asien ins Burgenland

Und so ist sie auch aus Ost- und Südostasien ins Burgenland gelangt, doch dazu später mehr…. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet reicht unter anderem vom Amurgebiet über China bis nach Südostasien und Japan.

Die Larven der Muschel, sogenannte Glochidien, leben nämlich zunächst parasitisch auf Fischen. Und so hat es unsere chinesische Freundin auch ins Burgenland geschafft: Der Besatz von Gras- und Silberkarpfen war ab den 1960er Jahren in Mode. Ein paar Larven auf dem Fisch, und schon ist der nächste Teich erschlossen.

Graskarpfen sind für den Sportfischer sehr beliebt, bewirten teilweise aber auch fremde Muschellarven.

Die Art wurde in Europa erstmals Ende der 1970er-Jahre nachgewiesen und hat sich seither in zahlreichen Ländern ausgebreitet. Auch Österreich blieb davon nicht verschont. Nachweise gibt es mittlerweile aus mehreren Bundesländern.

Die Chinesische Teichmuschel – ein echtes Schwergewicht

Wer eine Chinesische Teichmuschel einmal neben eine heimische Teichmuschel legt, erkennt schnell einen Unterschied. Die Schale ist meist auffällig rundlich bis oval und kann eine beträchtliche Größe erreichen. Muscheln haben in einem Gewässer eine wichtige reinigende Funktion: sie pumpen Wasser durch ihren Körper und filtern dabei Nahrungspartikel heraus. Das Problem ist also nicht, dass sie eine Muschel ist. Das Problem ist, dass sie eine Muschel ist, die hier ursprünglich nicht hingehört und unsere heimischen Muscheln verdrängt.

Burgenländische Muschel mit Wohnsitz Güssing

Auch im Burgenland ist die Chinesische Teichmuschel längst angekommen. Besonders interessant ist ihr Vorkommen im Ramsar-Gebiet Güssinger Fischteiche.

Dort kommen neben der eingeschleppten Chinesischen Teichmuschel auch heimische Großmuscheln vor, darunter die Gewöhnliche Teichmuschel (Anodonta anatina) und die Große Teichmuschel (Anodonta cygnea).

Damit befindet sich ausgerechnet in einem für die Natur besonders wertvollen Gebiet eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft: heimische und asiatische Großmuscheln teilen sich denselben Lebensraum.

Die Güssinger Teiche sind wegen ihres Vogelreichtums berühmt (neben dem Neusiedlersee).

Das macht die Sache aus Naturschutzsicht besonders interessant – und gleichzeitig problematisch. Denn die Auswirkungen der Chinesischen Teichmuschel auf die heimischen Arten sind noch nicht vollständig geklärt. Im Managementplan für die Güssinger Fischteiche wird allerdings ein hohes Potenzial für Konkurrenz mit heimischen Muschelarten gesehen. Und wir wissen schlicht nicht wohin die Reise geht und wie es weitergeht…

Warum ist die Chinesische Teichmuschel problematisch?

Grundsätzlich gilt: Nicht jede eingeschleppte Art wird automatisch zur invasiven Art.

Bei der Chinesischen Teichmuschel besteht allerdings Grund zur Aufmerksamkeit. Sie kann in geeigneten Gewässern hohe Bestandsdichten erreichen und steht dort mit heimischen Großmuscheln um Nahrung und Lebensraum in Konkurrenz. Hinzu kommt der gemeinsame Lebenszyklus über Fische. Auch hier kann die Chinesische Teichmuschel mit heimischen Muschelarten um geeignete Wirtsfische konkurrieren.

Wie stark dadurch tatsächlich heimische Arten verdrängt werden, ist wissenschaftlich allerdings noch nicht überall eindeutig geklärt. Genau deshalb wird die Art besser als potenziell invasiv betrachtet, anstatt pauschal zu behaupten, sie würde überall automatisch unsere heimischen Muscheln verdrängen.

Und was tun wir jetzt mit ihr?

Eine einzelne Muschel aus dem Wasser zu holen und sie auf den Kompost zu werfen, wird das Problem wohl kaum lösen. Die Ausbreitung einer aquatischen Neobiota-Art ist wesentlich komplizierter.

Die Chinesische Teichmuschel ist ein gutes Beispiel dafür, dass Neobiota nicht immer auffällig sein müssen. Während uns der Götterbaum auf den ersten Blick ins Auge springt und wir gerade jetzt im Hochsommer mit der Ragweed-Allergie zu tun haben, sitzt Sinanodonta woodiana meist irgendwo im Schlamm und wartet geduldig auf den nächsten Wirtsfisch.

Im Burgenland ist sie jedenfalls bereits angekommen. Ob die Chinesische Teichmuschel tatsächlich zu einem größeren Problem für unsere heimischen Muschelarten wird, wird die Zukunft zeigen. 

Wenn die nächste Muschel am Teichboden plötzlich ungewöhnlich groß und rund aussieht, könnte es also durchaus sein, dass da kein alteingesessener Burgenländer liegt, sondern ein asiatischer Neuzugang.

 

Hier geht es zu den anderen Teilen der Serie

Teil I

Teil II

Teil III

Teil IV

Teil V

Teil VI

Teil VII

Teil VIII

Teil IX

Teil X

Teil XI

Teil XII

Teil XIII

Teil XIV

Teil XV

 

Fotocredits:

Vadik Kor / Wikimedia Commons – Graskarpfen (Ctenopharyngodon idella)CC BY-SA 4.0Originalquelle

Alexander Mrkvicka / Wikimedia Commons, Sinanodonta woodianaCC BY-SA 3.0Originalquelle

Günter Nikles / Best of Burgenland, Güssinger Teiche – Originalquelle

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