Nach 29 Jahren läuft die Lyocell-Produktion in Heiligenkreuz aus. 285 Jobs stehen im Südburgenland auf dem Spiel. Wie es dazu kam – und was der Lenzing-Konzern damit vorhat.
Von Clemens Faustenhammer
Am Abend des 27. Juli 2026 erfuhren die Beschäftigten des Lyocell-Werks in Heiligenkreuz im Lafnitztal per Presseaussendung des Vorstands, dass ihr Standort vor dem Aus steht. Manche gingen am nächsten Morgen noch ahnungslos in die Frühschicht. Gut 29 Jahre nach der Eröffnung, die der damalige Landeshauptmann Karl Stix als „neue Ära in der Industriegeschichte des Landes“ gefeiert hatte, läuft die Faserproduktion im Südburgenland mit Jahresende aus. Es sei denn, es findet sich ein Käufer. Wer verstehen will, wie es dazu kam, muss beim Konzern selbst anfangen.
Die Ad-hoc-Meldung über das geplante Aus des Standorts Heiligenkreuz (Quelle: Firmenwebsite der Lenzing AG)
Wer ist die Lenzing AG?
Die Lenzing AG mit Sitz im oberösterreichischen Lenzing, Bezirk Vöcklabruck, ist einer der weltweit führenden Hersteller holzbasierter Cellulosefasern. Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis ins Jahr 1892 zurück, als in Lenzing die erste Zellstoff- und Papierfabrik in Betrieb ging. Die eigentliche Faserproduktion begann 1938 mit der Gründung der „Zellwolle Lenzing AG“ – ein Kapitel, das eng mit der Autarkiepolitik der Nationalsozialisten und der „Arisierung“ des Betriebs der Familie Bunzl verbunden ist. Nach dem Krieg folgten Wiederaufbau, mehrere Umbenennungen (1962 „Chemiefaser Lenzing AG“, 1984 „Lenzing AG“) und 1985 der Gang an die Wiener Börse, wo das Unternehmen bis heute im österreichischen Leitindex ATX notiert.
Zur Eigentümerstruktur ist zu erwähnen, dass der Kernaktionär B&C-Gruppe im Juni 2024 eine langfristige Partnerschaft mit dem brasilianischen Zellstoffproduzenten Suzano S.A. vereinbart hat. Im Rahmen der Vereinbarung hat Suzano von der B&C-Gruppe einen Anteil von 15 Prozent an der Lenzing AG übernommen. Die B&C-Gruppe hielt zum 31. Dezember 2025 einen Stimmrechtsanteil von 37,25 Prozent und Suzano 15 Prozent. Die Goldman Sachs Group, Inc. hielt per 31. Dezember 2025 rund 10 Prozent der Aktien. Der Streubesitz liegt bei ca. 38 Prozent.
Die Eigentümerstruktur der Lenzing AG (Quelle: Lenzing Jahresbericht 2025, S. 22)
Das Geschäftsmodell: Aus Holz wird Faser
Das Prinzip ist seit Jahrzehnten dasselbe, die Technologie hat sich jedoch radikal weiterentwickelt: Lenzing kauft Holz, verarbeitet es zu Faserzellstoff (Dissolving Wood Pulp) und verarbeitet diesen zu Cellulose-Regeneratfasern. Drei Fasertypen prägen das Portfolio:
- Viscose – die klassische, weitgehend standardisierte Massenfaser
- Modal – eine hochfeste Spezialfaser, bei der Lenzing Marktführer ist
- Lyocell – im geschlossenen Kreislauf mit einem organischen Lösungsmittel hergestellt, das zu über 99 Prozent rückgewonnen wird
Überblick der Faserarten (Quelle: Lenzing Jahresbericht 2025, S. 3)
Dazu kommt das Bioraffinerie-Konzept: Aus den Nebenströmen der Zellstoffproduktion gewinnt Lenzing Co-Produkte wie Essigsäure, Furfural oder Xylit und erzeugt Energie. Verkauft wird nicht nur an die Textilindustrie, sondern zunehmend an Hersteller von Vliesstoffen, also von Feuchttüchern, Wattepads, Tampons und anderen Hygieneartikeln.
Das globale Produktionsnetzwerk der Lenzing AG (Quelle: Lenzing Investoren-Präsentation Juli 2026, S. 32)
Verkauft wird auch die Marke selbst. Lenzing betreibt Ingredient Branding: TENCEL™ für Textilfasern, VEOCEL™ für Vliesstoffe, LENZING™ ECOVERO™ für nachhaltige Viscose. Die Idee dahinter: Die Kundschaft soll im Geschäft nicht nur das T-Shirt sehen, sondern auch, woraus es besteht.
Die Kennzahlen (Stand: Geschäftsjahr 2025)
Bemerkenswert: Weniger als ein Prozent des Umsatzes wird in Österreich erzielt. Produziert wird hier, verkauft wird anderswo – ein Befund, dervfür die aktuelle Standortdebatte alles andere als nebensächlich ist.
Die regionale Umsatzverteilung der Lenzing AG (Quelle: Lenzing Jahresbericht 2025, S. 6)
Wie Lenzing ins Lafnitztal kam
1990 stieß Lenzing auf die Lyocell-Technologie und begann im Stammwerk mit dem Bau einer Pilotanlage. Die Faser galt innerhalb der Branche als Revolution: hergestellt in einem geschlossenen Verfahrenskreislauf, ohne chemische Veränderung des Zellstoffs, biologisch abbaubar. Was fehlte, war eine Produktionsanlage im industriellen Maßstab.
Warum aber Heiligenkreuz? Anfang der 1990er-Jahre suchte Lenzing nach einem Standort für diese erste Großanlage. Mehrere Optionen standen im Raum – den Zuschlag bekam Heiligenkreuz im Bezirk Jennersdorf. Ausschlaggebend war weniger die Geografie als die Förderkulisse: Mit dem EU-Beitritt Österreichs 1995 wurde das gesamte Burgenland als strukturschwache Region zum Ziel-1-Fördergebiet – der höchsten Förderstufe der EU-Regionalpolitik. Fördermillionen aus diesem Topf entschieden die Standortentscheidung. Als zweiter Faktor galten die schnellen Genehmigungsverfahren, die dem Land damals im Bereich Betriebsansiedlungen attestiert wurden. Für Heiligenkreuz selbst war die Lyocell-Fabrik von Anfang an als Ankerinvestition gedacht: Ein Industriebetrieb dieser Größenordnung sollte den neu entstehenden Wirtschaftspark aufwerten und weitere Ansiedlungen nach sich ziehen. Die Gemeinde investierte parallel massiv in Infrastruktur – Kanalnetz, Businesspark –, was sie bis heute zu einer der am höchsten verschuldeten Gemeinden des Landes macht. Rund 120 Millionen Euro flossen in die Errichtung des Werks. Am 17. Oktober 1997 wurde das Werk eröffnet.
Businesspark Heiligenkreuz (Quelle: Wirtschaftsagentur Burgenland)
Ein holpriger Start, dann fast drei Jahrzehnte Aufstieg
Der Anfang war schwierig. Die Lyocell-Faser fasste am Markt nur mühsam Fuß, es gab Absatzprobleme – ein Verkauf des Werks scheiterte damals am Veto der EU-Kommission als Wettbewerbsbehörde. Der Durchbruch kam mit der Übernahme der Tencel-Gruppe im Jahr 2004: Mit ihr kamen der Markenname TENCEL™, die Vertriebsmannschaft und die Werke in Mobile (Alabama) und Grimsby (Großbritannien) an Lenzing. Aus dem Wettbewerber wurde ein Konzernteil, aus Lyocell der Wachstumstreiber.
Die Zahlen erzählen den Rest:
- Startkapazität 1997: rund 10.000 Tonnen pro Jahr
- 2007: erstmals Maximalauslastung
- 2017: Investition von 70 Millionen Euro, der Standort galt als „langfristig abgesichert“
- 2021: rund 60.000 Tonnen Jahreskapazität
- 2022: 25-Jahr-Jubiläum, gleichzeitig die millionste Tonne Lyocell; 340 Beschäftigte
- Ende 2025: 000 Tonnen Nominalkapazität laut Konzernangaben
In den ersten 25 Jahren, also bis 2022, investierte Lenzing nach eigenen Angaben rund 370 Millionen Euro in Heiligenkreuz, zahlte 214 Millionen Euro an Löhnen und Gehältern und bildete rund 200 Lehrlinge aus. Zum Werk gehören nicht nur die Spinnstraßen, sondern auch eine eigene Abwasseranlage und eine Energiezentrale. Heiligenkreuz war der erste Lyocell-Standort der Welt in dieser Größenordnung – und lange Zeit der größte.
Ungetrübt waren die letzten Jahre allerdings nicht: 2022 zwangen Pandemie-Nachwirkungen und explodierende Gaspreise das Werk in Kurzarbeit, ein Jahr später lief das Werk wieder im Vollbetrieb – begleitet von Personalabbau.
Der Bruch und die Entscheidung
Am 27. Juli 2026 – nach Zustimmung des Aufsichtsrats – kündigte die Lenzing AG die beschleunigte Umsetzung ihrer strategischen Neuausrichtung an. Der Name des Programms aus der Investoren-Präsentation fasst es zusammen: „Grow Nonwovens, Reset Textiles“.
Die neue strategische Ausrichtung der Lenzing AG (Quelle: Lenzing Investoren-Präsentation Juli 2026, S. 16)
Für Heiligenkreuz bedeutet das: Die Faserproduktion läuft bis Ende 2026 aus. Der Standort soll verkauft werden – samt Areal, Immobilien und Anlagen. Das Schwesterwerk im britischen Grimsby wird bis Ende 2027 ebenfalls stillgelegt, für den indonesischen Viscose-Standort PT South Pacific Viscose läuft ein Verkaufsprozess. Von neun Produktionsstandorten im Jahr 2026 sollen bis 2028 sechs übrig bleiben. Konzernweit fallen bis Ende 2027 rund 2.000 Stellen weg, davon etwa 600 im Verwaltungsbereich.
Das Maßnahmenbündel der neuen Strategie (Quelle: Lenzing Investoren-Präsentation Juli 2026, S. 18)
In Heiligenkreuz sind 285 Beschäftigte direkt betroffen (in der regionalen Berichterstattung ist meist von „rund 300“ die Rede). Für sie gilt ein bestehender Sozialplan.
Lenzing argumentiert nicht mit Missmanagement vor Ort, sondern mit einem gekippten Markt. In der Investorenpräsentation liest sich das so: anhaltende Überkapazitäten, die auf Auslastung und Preise drücken. Asiatische Produzenten, die bei Skalierung, Kosten und Qualität aufgeholt haben. Und, für ein Unternehmen mit diesem Markenversprechen besonders bitter: Endkonsumenten, die für Nachhaltigkeit immer weniger Aufpreis zahlen wollen. Die Sonderstellung der Lyocell-Spezialfasern erodiert.
Die Konsequenz: weg vom zyklischen Textilgeschäft, hin zu Vliesstoffen und externem Zellstoffverkauf. Mittelfristig soll sich der Umsatz zu je rund einem Drittel auf Textil, Vliesstoffe und Zellstoff verteilen. Die EBITDA-Marge soll auf 20 bis 25 Prozent steigen, der Verschuldungsgrad auf unter 2,5 sinken (Nettoverschuldung im Verhältnis zum EBITDA).
Das Marktumfeld und die daraus gezogenen Konsequenzen der Lenzing AG (Quelle: Lenzing Investoren-Präsentation Juli 2026, S. 7)
Der Umbau wird teuer. So soll er finanziert werden:
- Wertminderungen von bis zu 150 Mio. Euro auf die Sachanlagen der beiden Standorte Heiligenkreuz und Grimsby im Jahr 2026 – nicht zahlungswirksam, belastet aber EBIT und Konzernergebnis
- Restrukturierungsrückstellungen von bis zu 40 Mio. Euro, die auf das EBITDA 2026 durchschlagen
- Kapitalerhöhung über rund 300 Mio. Euro, am 25. August 2026 von der außerordentlichen Hauptversammlung beschlossen, durchzuführen bis spätestens 25. Februar 2027
- Rund 300 Mio. Euro Fremdkapital: Aufstockung des Konsortialkredits auf 500 Mio. Euro, der revolvierenden Kreditlinie auf bis zu 200 Mio. Euro, dazu ein neues „Vorratsinvest“-Darlehen über 150 Mio. Euro – Laufzeiten bis 2030
Die Kernaktionäre B&C und Suzano sowie die Oberbank haben zugesagt, bei der Kapitalerhöhung sich anteilig zu beteiligen. CEO Georg Kasperkovitz wertet die breite Zustimmung als Vertrauensbeweis für die Neuausrichtung.
Die Reaktionen im Land
Der Betriebsrat sprach von einer Hiobsbotschaft – und kritisierte scharf, dass die Belegschaft aus den Medien erfahren musste, was mit ihren Arbeitsplätzen geschehen soll. Landeshauptmann Hans Peter Doskozil bezeichnete die Entscheidung als schmerzhafte Weichenstellung, die politisch nicht zu beeinflussen sei. Das Land werde Standort und Beschäftigte „nicht im Stich lassen“. Im Extremfall, so Doskozil im ORF-Interview, wäre das Land auch bereit, das Werk selbst zu übernehmen. Die FPÖ lehnt eine solche „Verstaatlichung“ ab und fordert stattdessen bessere Standortbedingungen.
Für die Gemeinde Heiligenkreuz geht es ums Budget: Bürgermeister Eduard Zach rechnet mit einem Ausfall an Kommunalsteuer von 400.000 bis 600.000 Euro – bei einem Gesamtbudget von rund vier Millionen Euro. Die Wirtschaftskammer warnt vor Kettenreaktionen bei Zulieferern und Dienstleistern.
Und vor Ort? Dort heißt es, dass das Werk kein Sanierungsfall sei, sondern positiv wirtschafte. Ein Investor müsse in einen funktionierenden Betrieb investieren, nicht in eine Baustelle. Erste Interessenten hätten sich bereits gemeldet. Nach Angaben des Landes Burgenland drehten operatives Ergebnis und freier Cashflow des Werks im ersten Halbjahr 2026 ins Plus, nach negativen zweistelligen Millionenbeträgen in den Vorjahren.
Ausblick
Damit sind wir bei den Fragen, die dieser Teil 11a offenlässt und die in Teil 11b im Mittelpunkt stehen:
Wie steht die Lenzing AG finanziell wirklich da? Wir werfen einen Blick auf Nettoverschuldung, Verschuldungsgrad und Cashflow, auf die Frage, warum ein Konzern mit 2,6 Milliarden Euro Umsatz 600 Millionen Euro an frischem Eigen- und Fremdkapital braucht – und was das über die Verhandlungsposition beim Verkauf eines einzelnen Werks aussagt.
Wie realistisch ist die Zukunft des Standorts Heiligenkreuz? Ein profitabel arbeitendes Werk mit hoher Auslastung, eingespieltem Team und moderner Anlage klingt nach einem attraktiven Kaufobjekt. Warum trennt sich ein Konzern davon – und was heißt das für den Preis, den ein Käufer zahlen müsste?
Welche Alternativen gäbe es grundsätzlich? Vom strategischen Investor aus der Branche über Finanzinvestoren und Beteiligungsmodelle des Landes bis zum Management-Buy-out oder einer Nachnutzung des Areals: Wir gehen die Optionen durch und fragen, was jede von ihnen für die Arbeitsplätze bedeuten würde.
Wie hat euch unser erster Beitrag über die schwierige Situation der Lenzing AG in Heiligenkreuz gefallen? Teilt uns gerne eure Meinung mit einem Kommentar mit!
Hier die Links zu den anderen Artikeln, die bisher im Rahmen der Serie erschienen:
- Teil 1 – Burgenlands Unternehmen – eine Zeitreise in mehreren Teilen
- Teil 2 – Die HITIAG in Neufeld an der Leitha
- Teil 3 – Neudoerfler Möbel vom Familien- zum österreichischen Leitbetrieb
- Teil 4 – Vossen aus Jennersdorf als Udo Jürgens Markenzeichen
- Teil 5 – Coca-Cola HBC und Römerquelle in Edelstal
- Teil 6 – Braun Lockenhaus seit 101 Jahren akribische Handwerkstechnik
- Teil 7a – Das historische Erbe der Esterhazy-Betriebe (Teil 1)
- Teil 7b – Das historische Erbe der Esterhazy-Betriebe (Teil 2)
- Teil 8 – Zuckerfabrik Siegendorf
- Teil 9a – Landesholding Burgenland (Teil 1)
- Teil 9b – Landesholding Burgenland (Teil 2)
- Teil 10 – Outlet Center Parndorf
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