Südburgenland ( Teil 2) – Tourismus und Wirtschaft im Fokus

Im zweiten Teil zur Analyse der Ist-Situation im Südburgenland widmen wir uns zwei zentralen Themen, die bereits auf dem ersten Blick eng miteinander verwoben sind und in der politischen Diskussion oft unisono angeführt werden: Tourismus und Wirtschaft.

Südburgenland Sautanz

Tourismus im Südburgenland

Ein Parameter, von dem man sich ja oft Aufschwung für eine Region erhofft, ist der Tourismus. Denn, jede Nächtigung bedeutet auch entsprechende Einnahmen für die jeweilige Gemeinde. Wir haben uns für unsere Recherche die Zahlen auf der Website der Statistik Burgenland einmal näher angesehen…

In untenstehender Grafik sind die Übernachtungen in Burgenlands wichtigsten Urlaubsregionen abgebildet. Schnell wird klar: Der Neusiedlersee sticht alle anderen deutlich aus, nächtigen doch am See mehr Leute als in allen anderen Regionen zusammen! Speziell auf den Süden umgelegt, schlummern vor allem Güssing und Jennersdorf noch im Dornröschenschlaf.

Übernachtungen Südburgenland

Übernachtungen im Burgenland im Regionenvergleich 2018 & 2019. (Quelle: Statistik Burgenland)

Hier noch die Entwicklung über die letzten Jahre im Süden. Als Vergleich haben wir die Zahlen für den Neusiedler See und das Burgenland als Gesamtes dazu genommen.

Übernachtungen Neusiedler See

Übernachtungen im Burgenland in der historischen Entwicklung von 1981 bis 2019. (Quelle: Statistik Burgenland)

Thermenland statt Burgenland?

So manch Touristiker plädiert wahrscheinlich für die Umbenennung des Burgenlandes in Thermenland. Zu Recht, denn die folgenden Grafiken zeichnen ein eindeutiges Bild:

Übernachtungen nach Sommer- und Winterhalbjahr im gesamten Burgenland von 1980 bis 2018. (Quelle: Statistik Burgenland)

Hier wird ein Vergleich angestellt, unterschieden nach Sommer- und Winterhalbjahr, wie sich die Zahlen – relativ zum Jahr 1980 – entwickelt haben. Aktuell haben wir im gesamten Burgenland eine Vervierfachung der Übernachtungen im Winter zum Vergleichsjahr 1980, während die Zahlen im Sommerhalbjahr seit mehr oder weniger 40 Jahren konstant bleiben. Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden die Thermen Lutzmannsburg und Stegersbach gebaut und schwupps verdoppeln sich die Übernachtungszahlen im Winterhalbjahr innerhalb von fünf Jahren.

Noch oager wird es, wenn man sich die Übernachtungszahlen ausgewählter (Thermen-) Gemeinden anschaut. Für das Südburgenland gehen dabei Bad Tatzmannsdorf (als ewiger und alleiniger Spitzenreiter), Jennersdorf (in den 1980er Jahren wurde die Therme Loipersdorf direkt an der burgenländischen Grenze gebaut) und Stegersbach ins Rennen, das durch den Bau der Therme Mitte der 1990er Jahre touristisch wachgeküsst wurde.

Die Nächtigungsentwicklung von Stegersbach (stellvertretend natürlich für Lutzmannsburg und Frauenkirchen) ist ebenfalls dank Thermenbau enorm: Dümpelte man ohne Therme bei rund 1.000 Nächtigungen pro Jahr herum, so hat man 20 Jahre später diese Zahl verzweihundertfacht (von so einer Wachstumsrate träumt jeder Wirtschaftsökonom).

Übernachtungen Gemeinden Burgenland

Übernachtungen nach ausgewählten Gemeinden von 1970 bis 2018. (Quelle: Statistik Burgenland)

Fazit: Maßgeblich beteiligt am touristischen Aufschwung – vor allem in den südlichen Bezirken – sind, auf Basis der Nächtigungszahlen, die Thermen in Bad Tatzmannsdorf, Stegersbach und Jennersdorf. Verglichen mit diesen Zahlen wirken die Übernachtungen in den übrigen Gemeinden im Südburgenland marginal. Ein Segen also, dass man anstatt Erdöl Thermalwasser gefunden hat.

Die Wirtschaft

„It’s the economy, stupid“. Dieses legendäre Wahlsujet des ehemaligen US-amerikanischen Präsidenten Bill Clinton beschreibt recht prägnant die Wichtigkeit und thematische Tiefe des Komplexes Wirtschaft. Im Sinne einer besseren Strukturierung klammern wir für diesen Teil der Serie den Bereich Soziales wie Arbeitsmarkt, Wohnen etc. aus und konzentrieren uns puristisch auf die wirtschaftliche Gebarung des Landes.

Und hier kämpfen wir mit der Datenlage, die sich oftmals hervorragend aufbereitet auf das gesamte Bundesland aggregiert vorfindet, jedoch eine konsistente Untergliederung heruntergebrochen auf Bezirksebene vergeblich zu suchen ist. Nota bene: für die Statistik-Verliebten findet sich im aktuellen Jahrbuch eine derart granulare Übersicht über die Kläranlagen im Burgenland (14 Seiten!), die uns grübeln ließ den Themenschwerpunkt dieses Beitrags kurzum zu ändern.

6.000 Euro haben oder nicht haben

Trotz (oder wegen?) dieser Versuchung werden wir uns nun in drei Schritten an die ursprünglich vorgesehene Angelegenheit heranwagen, der Wirtschaft im Burgenlands Süden. Auf Basis des sogenannten Bruttoregionalprodukts, also das Äquivalent zum weitaus bekannteren Bruttoinlandsprodukt, welches für kleinteiligere administrative oder geographische Strukturen angewandt wird, erkennen wir eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Norden des Landes und dem Rest Burgenlands. In der Pro-Kopf-Rechnung klingen knapp 6.000.- EUR nicht allzu viel, in der Lebensrealität schaut’s schon anders aus, sechs Fleck im Börserl zu haben bzw. nicht zu haben.

Bruttoregionalprodukt Burgenland

Darstellung über das Bruttoregionalprodukt im Burgenland. Die Spalte „Rang“ bezieht sich auf Gesamtösterreich mit insgesamt 35 Regionen (Quelle: Statistik Burgenland)

Im zweiten Schritt knöpfen wir uns die Wertschöpfung vor, d.h. im welchen Verhältnis die drei typischen Sektoren anhand ihrer Wirtschaftskraft eingeordnet werden. Von welchen drei typischen Sektoren soll hier die Rede sein? Im primären Sektor werden die Rohstoffe für ein Produkt zusammengefasst, sprich die Urproduktion. Die Landwirtschaft – und mit ihr die für das Burgenland bedeutsame Weinwirtschaft – ist diesem Sektor zuzurechnen. Im Sekundärsektor werden die Güter aus dem Primärsektor weiterverarbeitet bzw. veredelt. Deshalb liest man auch oft vom industriellen Sektor. Zu guter Letzt der Tertiärsektor. Dieser umfasst alle Dienstleistungen und stellt in den westlichen Industriestaaten den größten Sektor dar. Im Zuge des wirtschaftlichen Strukturwandels und des Bedeutungsgewinns des tertiären Sektors sollten wir eigentlich vom „Dienstleistungsstaat“ sprechen, aber wir kommen vom eigentlichen Thema ab…

Weingartenfläche Österreich

Weinland Burgenland im Vergleich zum Weinland Österreich gemessen an der genutzten Weingartenfläche. (Quelle: Statistik Burgenland)

Wer nun den gesamten Beitrag bis hierher durchgehalten hat, sollte nun wenig darüber erstaunt sein, dass im Burgenland der Dienstleistungssektor mit einem Anteil von knapp 70 % mit Abstand die größte Wertschöpfung beisteuert. Der Landwirtschaft (primäre Sektor) sind im Vergleich dazu gerade einmal 3% zuzurechnen, was allerdings im Österreich-Vergleich mit knapp über 1% wiederum ein signifikant höherer Wert ist.

Bruttowertschöpfung Burgenland

Sektorale Aufteilung der Bruttowertschöpfung von 2009 bis 2019. (Quelle: Statistik Burgenland)

Neue Gründerepoche made in Südburgenland?

In der dritten Phase möchten wir die sozioökonomische Ist-Situation des Südburgenlandes abrunden. Die Sogwirkung der beiden großen Zentren Graz und Wien übt sich naturgemäß nachteilig auf den südburgenländischen Wirtschaftsraum aus. Zwar wird dieser Ausdünnung der Unternehmerlandschaft mit lokalen Initiativen wie das bewusste Forcieren von Nahversorgung und Unternehmenskooperationen im regionalen Bereich versucht entgegenzuwirken, doch zeugt die subjektive Wahrnehmung von zunehmenden Leerflächen in den Ortskernen der drei Bezirkshauptstädte Güssing, Jennersdorf und (wenn auch weniger stark) Oberwart noch Verbesserungspotential. Mit der Entwicklung und dem Ausbau von regionalen Wirtschaftsparks an der Ortsperipherie und Technologiezentren mit unterschiedlichen Schwerpunkt (z.B. Erneuerbare Energien) steht eine Basisinfrastruktur grundsätzlich zur Verfügung.

Ein Blick auf die aktuelle Situation im Gründerwesen lässt die begründete Hoffnung zu, dass die lokalen Wirtschaftstreibenden allmählich selbst das Heft in die Hand nehmen. Ein Indikator für die Entfaltung des unternehmerischen Potentials im Südburgenland ist die jährliche Statistik der Wirtschaftskammer zu den Neugründungen. Insbesondere die im Fachjargon als Gründungsintensität zitierte Kennzahl, welche die Anzahl an Unternehmensgründungen je 1.000 Einwohner ins Verhältnis setzt, zeigt zumindest für die beiden südlichsten Bezirke Güssing (6,0) und Jennersdorf (7,7) eine positive Tendenz und unterstreicht das verstärkte Bemühen in den letzten Jahren zur aktiven Betriebsansiedlung.

Unternehmensgründungen Südburgenland

Darstellung zu Unternehmensneugründungen und Gründungsintensität im Jahr 2020. (Quelle: WKÖ Burgenland)

Wir dürfen gespannt darauf sein, inwiefern sich dieser Trend auf die ersehnte Attraktivierung der Region als Wohn- und Arbeitsmittelpunkt für die hiesige Bevölkerung in weiterer Zukunft auswirken wird.

 Wie erlebt ihr die Situation im Südburgenland? Teilt uns gerne eure persönliche Wahrnehmung und Erfahrungen mit einem Kommentar mit!

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