Lebens(t)raum Apfelbaum (Teil I)

Eigene Äpfel zu pflücken, ist der Wunsch vieler Menschen, die einen Garten besitzen. In unserem neuen Beitrag widmen wir uns dem Lebens(t)raum Apfelbaum.

Damit dieser Traum verwirklicht wird, werden entweder aus Apfelkernen Sämlinge gezogen, die nach einigen Jahren veredelt werden, oder veredelte Bäume gekauft und im Herbst in der frostfreien Zeit (Oktober, November) oder im zeitigen Frühjahr gepflanzt.

Wie wird ein Baum gepflanzt

Beim Pflanzen von wurzelnackten Bäumen werden verletzte Wurzelteile entfernt. Bei Ballenpflanzen, die etwas teurer sind, bleibt die Erde auf den Wurzeln, die in Leinen gepackt sind. Das Leinen wird vor dem Pflanzen aufgeschnitten und verrottet im Laufe der Zeit. Verschulte bzw. Containerpflanzen sind am teuersten und können das ganze Jahr über gepflanzt werden.

Das Pflanzloch ist etwas größer als der Wurzelbereich und wird, um den Baum vor Wühlmäusen zu schützen, mit einem größeren Drahtgeflecht (Hasengitter) ausgelegt. Nach Reinstellen des Baumes (die Veredelungsstelle soll rund 10 cm über dem Boden sein), Einschlagen eines Stützpfahles (Akazie bzw. Robinie) und fast gänzlichem Auffüllen mit Erde wird das Drahtgeflecht bis zum Stamm eingeschlagen und mit der restlichen Erde abgedeckt. Der Baum wird kräftig gewässert, am Stützpfahl mit elastischen Korbweidenruten (statt Kokosstrick; in Asien hergestellt und importiert) fixiert und einem Drahtgeflecht (Vermeidung von Plastik) vor Wildverbiss (Feldhase) und Fegeschäden (Reviermarkierung durch Rehbock) geschützt.

Während Plastik mit der Zeit verwittert (linkes Bild), sichere ich den Stützpfahl mit einer Korbweidenrute (rechtes Bild).

Beim Kronenschnitt ist bereits auf die gewünschte Wuchsform (Pyramiden- oder Hohlkrone) Rücksicht zu nehmen

Richtiges Werkzeug und sonstige Materialien beim Veredeln:

Die zum Veredeln im Mai benötigten Edelreiser (einjährige Wassertriebe) werden im Winter geschnitten und in einem kühlen und frostsicheren Raum in feuchtem Sand eingeschlagen oder im Garten ca. 20 cm in die Erde (ausgereifter Kompost) gesteckt.

Beim Pfropfen (verschiedene Möglichkeiten) werden ein stärkerer Ast mit der Baumsäge abgetrennt, die Rinde mit dem Veredelungsmesser mit Längsschnitten versehen, die mit der Baumschere auf zwei Augen eingekürzten und zugeschnittenen Edelreiser in die Längsschnitte geschoben (Rinden schieben) und mit Bast oder Band fixiert und alle offenen Schnittflächen mit Baumwachs verstrichen, damit die Unterlage und die Edelreiser nicht vertrocknen: Durch den entstehenden Flüssigkeitsstau wird das Wachstum der Edelreiser beschleunigt. Es können auch Edelreiser von mehreren Apfelsorten auf einer Pfropfstelle verankert werden.

Hier  werden die Edelreiser einfach auf einen dickeren Ast gesteckt und mit Baumwachs versiegelt.

Die einfachste Veredelungsmethode ist die sogenannte Kopulation, bei der gleich starke Unterlagen und Edelreiser mit dem Veredelungsmesser schräg geschnitten und die Schnittflächen mit einem Veredelungsband aneinandergepresst werden. Der Edelreiser wird mit der Baumschere auf zwei Augen eingekürzt und mit Baumwachs verstrichen.

So sieht die Kopulation im Obstgarten aus.

Eine etwas kompliziertere Art der Veredelung ist die Okulation (Äugeln), die im August angewendet wird: Ein ruhendes Auge (Knospe) eines diesjährigen Wassertriebes der begehrten Apfelsorte wird mit einem T-Schnitt unter die Rinde der Unterlage gesteckt und mit Veredelungsband oder Bast fixiert. Sowohl bei der Kopulation (Umveredeln größerer Bäume) als auch bei der Okulation kann man/frau mehrere Apfelsorten auf einer Unterlage kultivieren. Die klassische Baumschere hat eine gekrümmte Klinge, die einen glatten Schnitt ermöglicht. Als Baumsäge eignet sich am besten eine Bügelsäge mit auswechselbarem Sägeblatt, das gedreht werden kann.

Diese Utensilien dürfen im Obstgarten keinesfalls fehlen.

Der Wurm im Apfel ist ein Schmetterling

Wenn sich im Frühjahr die ersten Blätter zeigen, kann man auch die ersten Bewohner, die von Obstbäumen bevölkert werden, beobachten: Blattläuse, Ameisen, Ohrwürmer, Marienkäfer und deren Larven, Florfliegenlarven, Spinnen, Frostspannerraupen, Heuschrecken, etc. In den darauffolgenden Jahren kommen mit den ersten Blüten noch Blütenstecher (Rüsselkäfer) und Apfelwickler (Schmetterling) hinzu. Besucher der Obstbäume sind Honigbienen, Wildbienen, zu denen auch die Hummeln gehören, Wespen, Hornissen, Fliegen, Schmetterlinge, Käfer, Libellen, Fledermäuse, Siebenschläfer, Singvögel etc.

So sieht die Blüte eines Apfelbaums aus.

Je mehr Gegenspieler desto weniger Apfelwickler, Blütenstecher und Frostspanner

Im bzw. am Boden leben und jagen Ameisen, Schnecken, Käfer, Engerlinge, Maden, Würmer, Larven, Raupen, unzählige fertige Insekten, Tausendfüßler, Asseln, Mäuse, Maulwürfe, Erdkröten, Frösche, Spitzmäuse, Blindschleichen, Igel, Singvögel, Eulen, Turmfalken etc.

Kohlmeisen, Feldsperlinge und Co. suchen unentwegt in (Obst)Bäumen, Sträuchern und in der Vegetation unterhalb der Bäume nach Larven, Raupen, Blattläusen, Spinnen und fertigen Insekten, die sie kiloweise vertilgen bzw. an ihre Jungen verfüttern, weshalb das Anbringen von Nistkästen in einem Naturobstgarten überlegenswert ist!

Eine Kohlmeise hält nach Schädlingen im Apfelbaum Ausschau.

Warum sind meine Obstbäume so verlaust?

Die „ideale Symbiose“: Wenn hunderte Ameisen Baum auf- und abwärts auf ihren Versorgungslinien zwischen Ameisenhaufen und ihren „Melkkühen“ tagtäglich unterwegs sind und sich einjährige Triebe zu „Schweinsringelschwänzen“ biegen!

Eine Florfliegenlarve beim Vertilgen einer Blattlaus.

Eine Massenvermehrung der lästigen Blattläuse tritt an Obstbäumen durch ungünstige Einflüsse auf: Wenige Abwehrkräfte durch Überdüngung und Fehlen der Gegenspieler. Durch das Rasenmähen wird das natürliche Gleichgewicht zerstört und viele unserer „Teamplayer“, wie Marienkäfer, Florfliegen, Ohrwürmer, Schwebfliegen, Heuschrecken, Wespen etc., die sich auch im Gras aufhalten, eliminiert. Obstbäume und Blumenwiese mit Pflanzen- und Tiervielfalt (Biodiversität) sind die ideale Kombination!

In vielen Obstgärten wird der Rasen intensiv gemäht.

Natur pur – ohne Spritzmittel

In einem Naturobstgarten ist der Einsatz von verschiedenen Spritzmitteln nicht notwendig, da das natürliche Gleichgewicht stimmt, d.h., dass die Nahrungskette nicht unterbrochen wird. Der Einsatz von Insektiziden vernichtet nicht nur die Blattläuse, sondern auch deren Gegenspieler (natürliche Feinde), wie Larven der Florfliegen, Marienkäfer und deren Larven, Ohrwürmer, Wespen, Heuschrecken und Singvögel und in weiterer Folge auch Frösche, Erdkröten, Schlangen, Blindschleichen, Eulen, Turmfalken, Kleinsäuger und frei herumlaufende Katzen!

Alt, hohl und noch immer nützlich

In alten hohlen Bäumen, die noch reichlich Früchte tragen, brüten viele Singvögel. In große Höhlen zieht auch eine Hornissenkönigin ein, um ihren Staat zu gründen, der im Laufe des Jahres auf ca. 400 Individuen anwächst und zig Kilogramm Insekten vertilgt, und leben Kleinsäuger.

Ist ein Baum mal abgestorben, dient er noch viele Jahre lang als Lebensraum.

Der richtige Schnitt trägt zur Gesundheit der Bäume bei

Um den Ertrag zu steigern, werden im Winter Wassertriebe entfernt und durch Herausschneiden von Ästen (Stummelvermeidung: direkt am Ast absägen) die Baumkrone ausgelichtet und verjüngt. Zum Verschließen auch von großen Schnittflächen wird kein Baumwachs verwendet.

Beim Sommerschnitt im August werden Wassertriebe entfernt, um Sonneneinstrahlung auf die Früchte zu ermöglichen und die Energie für das nächste Frühjahr zu reduzieren.

Verwendung des Baumschnittgutes

Ein Häcksler hat in einem Naturobstgarten keinen Platz: Baumschnittgut wird weder im Winter noch im Sommer gehäckselt, denn dadurch werden unzählige Lebewesen vernichtet und das biologische Gleichgewicht gestört.

Die Äste können im Winter liegen bleiben, da Baumrinde und dünne Zweige gerne von Rehen und Hasen als Futter angenommen werden. Im Frühjahr werden die Äste grob zerlegt und in die Totholzhecke eingearbeitet.

Das Astschnittgut ist perfekt für die Totholzhecke.

Die im Sommer geschnittenen Wassertriebe können mit der Baumschere auf ca. 10 cm lange Stücke geschnitten und kompostiert oder ebenfalls in der Totholzhecke deponiert werden.

 

Habt ihr auch gerade blühende Äpfelbäume? Dann berichtet uns in den Kommentaren!

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